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südkurier

Jazz-Konzert: Zwischen Schweizer Alpen und mongolischer Steppe. Archaisch, virtuos, unglaublich: Zehnder, Brennan und Shilkloper beim Jazz in Allensbach.

Ein Schweizer, der sich den wilden Mongolen anschließt und stimmlich alle Grenzen sprengt. Ein Ire, der Schweizer Witze erzählt. Und ein Russe, der Alphorn bläst. Sie ist schon kurios, diese Mischung. Christian Zehnder (Gesang), John Wolf Brennan (Klavier) und Arkady Shilkloper (Horn) waren in der Allensbacher Gnadenkirche zu Gast. Es war das letzte Konzert der diesjährigen Jazz-Reihe. Ausverkauft wie so oft in Allensbach, wo sich ein Stammpublikum trifft. Am Ende hat es sie vor Begeisterung nicht mehr auf den Sitzen gehalten, die Jazzfreunde, angesichts dessen, was ein in dieser Formation wohl einzigartiges Trio zu bieten hatte.

Um eines vorwegzunehmen: Basis allen Tuns dieser außergewöhnlichen Musiker sind Melodien, die die Seele auf die Reise schicken. Ins ferne Asien, hinauf auf den Säntis, hinein ins Reich der Feen – und in archaische Urgründe des eigenen Bewusstseins. Archaisch, anders ist es auch nicht zu nennen, was da zum Teil aus dem Kehlkopf von Zehnder kommt. Der Stimm-Zauberer ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens auf der Bühne. Zehnder scheint seinen Körper als Instrument zu begreifen. Dass noch etwas anderes als Luft und Töne in der schlanken, hoch gewachsenen Gestalt Platz hat, mag man während eines Auftritts kaum glauben.

Er singt keine einzige Textzeile, und schon allein das gibt seinen Improvisationen die Aura des Überzeitlichen. Als seien diese Vokalisen schon immer da gewesen. Und sein Spektrum ist gewaltig: Röhrende Basslaute, luftige Geräuscheffekte, energische Jodler und ein unglaublich platzierter Obertongesang. Ganz nah kommt er den beiden anderen bei seinen Improvisationen. Vieles ist spontanes Zuspiel, das angesichts dessen, dass die Musiker erst seit Kurzem überhaupt zusammenspielen, fast schon gespenstisch gut gelingt.

Die Wellenlänge stimmt in seltener Weise: Auch den anderen beiden ist eine feine Selbstironie bei höchster Virtuosität eigen. Arkady Shilkloper bläst das Horn mit einer Leichtigkeit, die vergessen lässt, dass das Instrument als heikel bekannt ist. Auch das wuchtige Alphorn nimmt der „Migrations-Alphornbläser“ irgendwie nicht so recht ernst, spielt Läufe, spielt nur auf dem Mundstück oder gleich ganz ohne. Bei Bedarf legt er einen Schmelz in die Hornmelodien, der mit dafür sorgt, dass diese wilde Mischung immer auch begeisternde Musik bleibt.

Treibender Geist am Flügel ist John Wolf Brennan. Einen samtenen Teppich kann er bereiten, aus minimalen Figuren ein sattes Accompagnement zaubern. Und wie sehr er das Klavier als perkussives Element begreift, wird nicht erst dann deutlich, als er sich vom Klavierhocker erhebt und sein Instrument als Schlagzeug benutzt. Der allgemeinen Experimentierfreude an diesem Abend schließt er sich an, greift ins Innere des Flügels, spielt dort mit Schlägeln und Schnüren, macht aus dem klassischsten aller Instrumente Zither und Hackbrett und verwandelt es wieder in jenen wuchtigen Klangkörper, der für den Drive im Geschehen sorgt.

Sie spielen Hymnen auf das Schweizer Postauto, auf die russische Steppe, auf irische Feen und auf Schweizer Käse. Sie probieren und loten die Möglichkeiten aus. Und wenn es hart auf hart kommt, klingt hier nichts mehr so, wie es aussieht. Wiederkommen, bitte!


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Furiose Vokalpirouetten und Klangskulpturen: Das Zehnder-Shilkloper-Brennan-Trio sorgt für frenetischen Applaus im Ulmer Stadthaus

Der Schweizer Vokalvirtuose Christian Zehnder, Hornist Arkady Shilkloper und Pianist John Brennan haben sich zu einem neuen ungewöhnlichen Trio zusammengetan, das zu erleben man getrost als „einmalig“ bezeichnen kann. Ausverkauft war diese besondere Veranstaltungen der ausgezeichneten "Stimmen"-Reihe des Vereins für Neue Musik im Ulmer Stadthaus. Die drei zitieren, komponieren und paraphrasieren sich durch die Musikwelt des ganzen europäischen Kontinents. Gemeinsame Wurzeln sind unschwer herauszuhören: Wilde Volksmusik, sanfte Klassik, Alpen-Impressionismus und lauschige Musik zu imaginären Filmen. Das große Kopfkino hebt bei diesen Musikern dank perfekten Zusammenspiels und ausgeklügelter Arrangements spielend ab. Die Soundlandschaften, in denen das Publikum glücklich versinkt, konstituieren sich aus vertrackten Rhythmen, verspielten Ostinati, doppelbödigen Grooves und Zehnders irrwitzigen vokalakrobatischen Ausflügen, die den ganz großen Bogen vom einfachen Jodler über die Proto-Sprache hin zur opernhaft-großen Klangskulptur spannen. Der Dadaismus steht ihm lächelnd zur Seite. Mit dem Moskauer Arkadi Shilkloper begleitet ein Ausnahme-Horn-Virtuose, der auch das Flügelhorn, Corno da Caccia und das Alphorn mit atemberaubender Leichtigkeit einsetzt. Shilkloper macht das Alphorn zum Funk-Instrument, ebenso geschmeidig entlockt er ihm seidenweiche Blues- und Jazzklänge. Grandios ist die Klarheit und Wärme, mit der Shilkloper im Duo mit Pianist Brennan die Stücke einläutet, wie er sich kongenial in Zehnders aberwitzige Vokalpirouetten einklinkt, aber seinen Kollegen ebenso selbstverständlich Raum für Soli und Experimente läßt. Wie Shilkloper folgt auch Brennan stilsicher und mit klassisch-klarem Anschlag melodischen Phantasien. Wenn sich dieses Trio warmgespielt hat, ist nur Fliegen schöner.

Für Virtuosen wie Zehnder, Brennan und Shilkloper gibt es, so hat man nach dem Stadthaus-Konzert leicht den Eindruck, keinerlei Grenzen. Man reibt sich staunend Augen und Ohren, was Zehnder seinen Stimmbändern an Klängen abgewinnt. Er kreiert eine eigenwillige Klangwelt durch den Obertongesang, den er beherrscht wie kaum ein anderer. Er liebt es, Grenzen nicht nur zu touchieren sondern sie abzuwandern – und serviert vom reibeisenartigen Schnarren in Bass(un-)tiefen bis zu höchsten Obertönen virtuose akustische Reisen durch experimentelle Klangwelten. Das alles ist so wohltuend unkonventionell, so voller Spielfreude, so absolut ernsthaft und humorvoll zugleich, daß das Publikum hingerissen applaudiert. Der Jodler, das macht Zehnder klar, ist ein globales Phänomen. Die Wundertüte internationaler Jodelsprachen wird dank der feinen Klangkultur des Trios zum zweistündigen, nicht enden wollenden Ohrenschmaus. Hinreißend der Quart-Sext-Akkord in 127 Variationen, basierend auf der „Postauto-Fanfare“ in der Schweiz. Das Klavier wird zum Streichinstrument in der Dämmerstimmung eines Albumblatts aus dem höchsten Norden; Zehnders Gesang evoziert feine, scharfgratige Klangfiguren. Aus manchmal blitzschnellen Mutationen des Klangs erwächst ein lange nachhallendes akustisches Landschaftsgemälde. Furioses onomatopoetisches Opernmaterial bietet die „Gruy-AIR“, flinke Ennio Morricone-Zitate und alpiner Scatgesang inklusive.
Das Publikum dankte überschwänglich: Mit einem temperierten Dankes-„Jodler“.

 

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