pressezitate zu "songs from new space mountain"

 

badische zeitung - 20. märz 2017

Stimmperformer zwischen Himmel und Hölle

Es geht auch ohne Worte. Das beweist der in Basel lebende Vokalist, Obertonsänger, Komponist und Regisseur Christian Zehnder seit bald 20 Jahren – ob im Duo Stimmhorn, in seinem Trio Kraah oder zuletzt in dem Oloid-Projekt mit dem Percussionisten und Schlagzeuger Gregor Hilbe. In dem neuen, am Mittwoch im ausverkauften Gare du Nord im Badischen Bahnhof in Basel uraufgeführten Soloprogramm "songs from new space mountain" bringt Zehnder diese in zwei Jahrzehnten elaborierte Stimmkunst einmal mehr zu einer mitreißenden Blüte.

Der in Basel heimisch gewordene Zürcher, der denn auch von einem "Heimspiel" sprach, entpuppt sich erneut als beredter Erzähler ohne Worte, verbindet archaische Naturklänge mit zeitgenössischen Klangarchitekturen und stimuliert darüber einen fast endlosen Strom an Bildern – vom abgründig Dämonischen über sehnsüchtiges, melancholisches Träumen bis zur beschwingten, heiteren (Berg-)Idylle. Das hat etwas von einem Einmannmusiktheater; ein Aspekt, den Zehnders Leidenschaft zur Performance, seine ausdrucksstarke Mimik und die kleinen, spontan eingestreuten Gesten allemal verstärken.

Leise hauchend und pfeifend, eine große aber quasi lautlos schwingende Kuhglocke in der linken Hand steht der Vokalist da zum Einstieg auf der Bühne. Die Klangkulisse lässt an zugige Ecken, klappernde Läden und leeregefegte Straßenzüge denken, durch die der Wind Papierfetzen oder Strohballen treibt. Nach und nach aber mutierte das Szenario zu einer Collage mit weiteren Naturgeräuschen und Vogelstimmen; elektronische Sounds aus dem Minimoog, der elektronischen Tanpura und andere "manipulierte Klangwerkzeuge", repetitive Klänge und maschinenmäßig pulsende Rhythmen sorgen für weitere Dynamik; expressiv-archaische Vokalimprovisationen steigern diese noch, bis Zehnder diese Dämonen wieder einfängt mit kindlichem Summen und anderen Wohlklängen. Gut 60 Minuten später verabschiedet er sich und schwenkt ein altes Transistorradio an einem Band wie einen Weihrauchkessel gen Publikum: ein Priester der Stimme, des lautmalerischen Experimentes, der schonungslos auch gegenüber sich selbst gleichsam das Innere nach außen kehrt.

Dazwischen liegen diverse artistische Grenzgänge zwischen Brust- und Obertonstimme, bei denen er sich jeweils wechselnder musikalischer Helfer bedient; mal ist das ein Wippakkordeon, das für den harmonischen Untergrund sorgt, mal mit dem Mund geblasene Orgelpfeifen, mal eine präparierte Taucherbrille oder eine Maultrommel, dann eine Milchkanne und mittels dieser simulierten Echoeffekte. Immer wieder aber mündet das Spiel in Call-and-Response-Muster, wie es vom Blues und Jazz bekannt sind und an Dialoge oder auch intensive Selbstgespräche, innere Monologe, erinnern, in denen sich Zehnder mit seinem Bariton brummend, summend, schnalzend, schnarrend, würgend, brüllend, flüsternd und jodelnd zu Wort meldet.

Das mäandert durch Stile und Stimmungen, da mischen sich Pathos und Melancholie, da amalgamieren folkloristische Einflüsse und Elektronik, Jodeln, Jazz und Minimal Music. Da wechselt Trancehaftes mit Expressivem und Hymnischem. Das gräbt sich tief in die Gedärme und schraubt sich dann im Stil einer Arie wieder in die Höhen. Das oszilliert zwischen Sehnsucht, kontemplativer Monotonie, wie sie aus der indischen Musik bekannt ist, und extrovertierten Passagen. Das pendelt zwischen Himmel und Hölle und Zehnder moduliert dazu Töne, jongliert mit Silben und Wortfetzen. Das wirkt wie zeitgenössischer Musik-Dada, ein Zertrümmern, Verfremden und neu Arrangieren mehr oder weniger vertrauter Klangszenarien. Vor allem aber passiert ungeheuer viel in diesem sehr persönlichen Konzert. Nach der Zugabe gibt’s denn auch Standing Ovations für große (Schweizer) Gesangskunst.

 

basler zeitung - 20. märz 2017

Ein Mann, 1000 Stimmen
Christian Zehnder mit neuem Soloprogramm


Der Sänger und ”Alpenjazzer” Christian Zehnder ist mit einer sonoren Bruststimme, einem quikfidelen Kehlkopf und einer extraterrestrisch leichten Obertonstimme gesegnet. Am meisten beneidet man den Allrounder aber um sein Milchkänneln. Es ist ein ganz besonderes Exemplar: Hebt man den Deckel, so gähnt einem nicht etwa dunkle, milchig-saure Leere entgegen, sonder man kommt in den Genuss einer blühenden Alpenwiese. Genauer gesagt: Aus dem Innern deinen keine Kuhglocken- und Echolaute; die passenden Bilder dazu entstehen im Kopf. Und ein Handgriff genügt, decke drauf- schon verstummen die Glocken.

Wie genau Zehnder sein Känneli frisiert hat, bleibt am Mittwoch bei der Premiere seines neuen Soloprogramms ”Songs from new space mountain” in der Gare du Nord sein Geheimnis. Die Szene zeigt jedoch, dass der Komponist und Musiker, der jüngst am Theater Basel mit der Babyoper ”Murmel” von sich reden machte, auch bei den Erwachsenen für glänzende Augen sorgen kann. Und wer das Soloprogramm miterlebt, braucht auch nicht dem Duo Stimmhorn nachzutrauern, mit dem Zehnder internationale Erfolge feierte, das dann aber aufgelöst wurde. Nein, der 1961 in Zürich geborene Musiker kann sich nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Requisiten bestens unterhalten - wo er hinkommt, geraten die Dinge in Schwingung.

Zutiefst befreiend

Das erstaunliche an dem rund einstündigen Programm, in dem Stücke aus den letzten 25 Jahren versammelt sind, bleibt der Obertongesang: eine hohe gesangslinie, die gleichzeitig mit der Bruststimme erklingt. Dazu bedarf es einer speziellen Technik, die in der westlichen Welt wenige Sänger beherrschen. zehnter ist ein Meister des Fachs: Wie er die Obertöne zu fliesenden Melodien formt und lustvoll verziert, wirkt teils höchst artifiziell wie die ”E.T.” Stimme aus Steven Spielbergs Film, teils aber auch sehr furchig, naturverbunden wie Jodeln.

Zehnder zelebriert diese Mehrstimmigkeit nicht als Zirkusnummer, sondern zeigt feinen Humor und lässt eine fast mystische Haltung spüren. Die Erfahrungen, die er aur seinen Reisen und Begegnungen in den verschiednen Teilen der Welt gesammelt hat, sind unüberhörbar. So wirken nicht zuletzt seine jodelgesänge und Juchzer zutiefst befreiend, wobei sie nahtlos in Wolfsheulen, elektronische Klänge und Arabesken übergehen. Das Premierenpublikum, das den Abend im Rahmen der Reihe ”Route de Vix” erlebte, bedankte sich mit stehenden Ovationen - und heulte mit.

 

 

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