stimmung


solo voices & christian zehnder

“Stimmung” ist ein Werk für sechs Sänger, das Karlheinz Stockhausen 1968 in Long Island (USA), bei Schneewetter, gefrorenem Meer und starkem Wind komponiert hat. “Stimmung” ist ein Werk mit mystischem Charakter: die sechs Stimmen singen immer denselben Akkord, erzeugen Obertöne und sprechen vereinzelt Worte. Es gibt keinen Text aber offene Phoneme und magische Namen sowie Bruchstücke von erotischen Gedichten. Stimmung strahlt ein Gefühl von Frieden aus, dank seines Ursprungs in der Nähe des Meeres und der Flower Power Zeit der 1968er. Wie vom Komponisten gewünscht wird das Konzert wie ein Hippielagerfeuer dargeboten werden: die Sänger sitzen im Kreis auf dem Boden, das Publikum rundherum. “Stimmung” wurde am 9. Dezember 1968 in Paris uraufgeführt. Es ist eines der bedeutensten Vokalwerke des 20. Jahrhunderts.

Das Projekt Stimmung wurde unter anderem bereits an das ”Lucerne Festival 2018” und ans ”Imago Dei Osterfestival 2018” in Krems (A) eingeladen..


Trailer Stimmung anschauen
 

Die Musik Karlheinz Stockhausen (1928-2007) Stimmung (1968) für sechs Vokalisten, Pariser Version     Besetzung SoloVoices

Svea Schildknecht, Sopran
Francisca Näf, Mezzosopran
Anne-May Krüger,
Mezzosopran Jean-Jacques Knutti,
Tenor Christian Zehnder,
Bariton Jean-Christophe Groffe,
Bass Florian Bogner (ICST, ZHdK), Klangregie    

Wir danken herzlich für die Mithilfe von: Germán Toro-Pérez vom Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) der Zürcher Hochschule der Künste Kathinka Pasveer von der Stockhausen-Stiftung für Musik Helga Hamm-Albrecht und Hans-Alderich Billig (ehemalige Mitglieder des Collegium Vocale Köln, die die Uraufführung sowie über 200 Aufführungen von Stimmung mit Karlheinz Stockhausen bestritten).


rezensionen

NZZ, Neue Zürcher Zeitung, 24.4.2017

Der Achtzig-Minuten-Akkord
Das Ensemble Solovoices wagt sich an Karlheinz Stockhausens Werk «Stimmung» von 1968. Im Idealfall wird dabei die Grenze zwischen Interpreten und Zuhörern aufgehoben – in Zürich gelingt dies eindrucksvoll.

Um Karlheinz Stockhausen, der einst, je nach Blickwinkel, als Inbegriff der musikalischen Avantgarde galt oder als Bürgerschreck der übelsten Sorte, ist es heute ein wenig still geworden. Zehn Jahre nach seinem Tod scheint der deutsche Komponist seine Sprengkraft weitgehend verloren zu haben. Wie man jüngst bei der Produktion seiner Oper «Donnerstag aus ‹Licht›» am Theater Basel erleben konnte, hat freilich auch eine bedenkliche Orthodoxie seiner Erben und Nachlassverwalter ihren Anteil an der merklich gebremsten Rezeption.
Eine der seltenen Gelegenheiten, eines von Stockhausens grösseren Werken zu hören, bot sich dieser Tage an der Zürcher Hochschule der Künste: Das Ensemble Solovoices brachte, unterstützt vom Institut für Computermusik der ZHdK, «Stimmung» aus dem Jahr 1968 zur Aufführung. Nach Bürgerschreck klingt diese Musik allerdings nicht, und auch ihr avantgardistischer Charakter zeigt sich aus heutiger Perspektive nicht unmittelbar.

Götternamen, erotische Texte

Technisch gesprochen besteht «Stimmung» aus einem einzigen Akkord, der während achtzig Minuten in verschiedenen Facetten präsent ist. Der Akkord beruht auf dem tiefen Kontra-B, das als ausgehaltener Brummton über Lautsprecher zu hören ist. Darüber breiten die drei Sängerinnen und die drei Sänger über Mikrofone ihre Töne aus, die hauptsächlich aus Obertönen des tiefen Ostinato-Tons bestehen.
Stockhausens Auswahl der Obertöne ergibt in der konkreten Realisierung einen Dominant-Sept-Nonen-Akkord mit den Tönen B, f, b, d', as' und c''. Dieser Akkord entsteht einerseits durch die Aufteilung der sechs Töne auf die sechs Interpreten, andererseits durch die Technik des Obertonsingens. Der «Text» der Komposition besteht im Kern aus verschiedenen Vokalkombinationen (jeder Vokal aktiviert einen anderen Oberton), daneben aus gesprochenen Götternamen und erotischen Texten, die Stockhausen selber verfasst hat.
Die technische Beschreibung erfasst indes den Charakter der Komposition nur unzulänglich. Der Titel «Stimmung» zielt ja mindestens ebenso stark auf die Gestimmtheit der Ausführenden und jene des Publikums. Stockhausen hat das Werk in Long Island, auf dem Höhepunkt der amerikanischen Hippie-Bewegung und des Vietnamkrieg-Protests, geschrieben und sich gewünscht, dass es an einem Lagerfeuer aufgeführt werde. «Stimmung» ist denn auch ein utopisches Werk, das den Ausstieg aus der herkömmlichen Lebens- und Musikkultur erprobt und neue Formen des menschlichen und musikalischen Zusammenwirkens propagiert.

Aufhebung der Grenze

In der Kaskadenhalle im Toni-Areal brennt zwar kein Feuer. Aber die sechs Interpreten sitzen im Kreis um eine Lampe herum im Schneidersitz auf einem Teppich, das Publikum sitzt in einem äusseren Kreis um die Interpreten herum auf Stühlen. Warum ist der Veranstalter nicht noch einen Schritt weiter gegangen und hat die Zuhörer durch Verteilen von Kissen zum Platznehmen auf dem Boden eingeladen?
Aber auch auf den Stühlen ist man ganz unmittelbar Zeuge der faszinierenden musikalischen Interaktionen. Diskreter Anführer der Sängergruppe ist der Bariton und Obertongesangs-Spezialist Christian Zehnder. Abwechselnd übernehmen auch die Mezzosopranistinnen Anne-May Krüger und Franziska Näf, die Sopranistin Svea Schildknecht, der Tenor Jean-Jacques Knutti oder der Bass Jean-Christophe Groffe die Führung.
Als Hörer hat man zwei Möglichkeiten der Annäherung an diese Komposition: Man kann sie analytisch aufnehmen und den vielfältigen rhythmischen und farblichen Varianten des immergleichen Akkords nachspüren. Oder man kann die Augen schliessen und versuchen, sich von der aufgebauten Stimmung der Sängerinnen und Sänger anstecken zu lassen. Und womöglich gelingt es dabei sogar, sich plötzlich auch als ein Bestandteil dieser Performance zu fühlen. Die Aufhebung der Grenze zwischen Interpreten und Rezipienten wäre dann gelungen.

von Thomas Schacher