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Hast du Töne?

Der Schweizer Stimmakrobat und Obertonsänger Christian Zehnder hat das globale Jodeln erfunden

Christian Zehnder, 1961 in Zürich geboren, hat den europäischen Obertongesang weiterentwickelt und die alpine Volksmusik neu definiert. Im Ulmer Stadthaus präsentierte er ein Trio-Programm zwischen allen Stilen – und musste sich fragen lassen, was denn nun eigentlich Musik ist. „Holleri du dödel di, diri diri dudel dö!“ So klingt bei Loriot der Erzherzog-Johann, Jodler, den Frau Hoppenstedt gemeinsam mit anderen Anwärter für das Jodeldiplom im Vogler-Institut für modernes Jodeln einstudiert. Volksmusik, auch das erfahren wir dabei, nimmt kaum einer mehr ernst. Während im Fernsehen die Lustigen Musikanten eine synthetische Volkstümlichkeit kultivieren, klingt die Musik der Masse nach Pop, und in Zeiten bunter Migrantenströme sowie der allgemeiner Individualisierung hat das Volk fast so viele unterschiedliche Musiken wie Köpfe.

Im Konzertsaal des Ulmer Stadthauses liegt rechts ein Alphorn. Es ist so lang, dass es fast die ganze Tiefe der Bühne benötigt. Arkadij Shilkloper spielt das riesige Rohr so virtuos wie sein kleines Horn. Links steht ein Flügel. Manchmal klingt, was der Pianist John Wolf Brennan den Tasten und Saiten entlockt, wie ein Nachklang des musikalischen Impressionismus, manchmal atmet das Singen des Instruments ungestörte Romantik, und manchmal ist das Klavier ein armes schwarzes Möbel, das alle Klang-Qualen zeitgenössischer Kompositionen geduldig erträgt. In der Mitte sitzt und steht ein Schweizer: Christian Zehnder, 51, zelebriert mit großer Leichtigkeit den raschen Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme, den man als Jodeln bezeichnet. Später wird er seinen Unterkiefer nach vorne schieben, gleichzeitig die Zunge gegen den Oberkiefer drücken und mehrstimmig singen. Dann hört man über einem tiefen Grundton ein hohes, harmonisches Pfeifen.

Obertongesang nennt man die Technik, einen Ton in seine einzelnen harmonischen Bestandteile zu zerlegen. Diese Technik wirkt ebenso archaisch wie das Jodeln, und wie dieses ist auch sie in unterschiedlichen Varianten auf der ganzen Welt verbreitet. Wären Jodeln und Obertongesang populärer, so wären beide: Volksmusik. Weil sie es nicht sind, ist dieser Trio-Abend zwischen Improvisation, Komposition, Jazz („Der ist“, sagt Zehnder, „aber klangfarblich oft zu langweilig“), traditioneller und Neuer Musik ein ausgefallenes, sehr spezielles Ereignis.

Noch spezieller wird dieses, wenn man ihn als Versuch einer Neudefinition dessen erlebt, was Volksmusik sein, wie sie zu klingen und zu wirken habe. „Neue alpine Volksmusik“ nennt Christian Zehnder selbst das, was er selbst nur mit dem Mund mit produziert. Und so wie sein eigener Weg vom Instrumentalen zum Vokalen, von Jazz, klassischem Gesang und zeitgenössischer Musik hin zu ethnischen Vokaltechniken ging, so ist auch sein Obertonsingen und Jodeln ein Konglomerat aus unterschiedlichen Stilen und Techniken, die er sich weltweit zusammensuchte. Dabei sind die Stationen, die Zehnder auf seinem musikalischen Weg durchlebte, nicht nur ins neue Ganze hineingeflossen, sondern haben den alle Schubladen sprengenden, grenz- und spartenüberschreitenden Kunstbegriff des Sängers maßgeblich mit. Die klassische Gesangsausbildung ist die Basis der Stimm-Experimente. Und dass sich Zehnder selbst mit Vorliebe als Stimmperformer bezeichnet, verrät seine Leidenschaft für die Darstellung. Filmemacher wollte der Schweizer ursprünglich werden, für das Sprech- und Tanztheater hat er schon zahlreiche Bühnenmusiken ge- schrieben, für 2014 erarbeitet er gemeinsam mit dem Komponisten Fortunat Frölich eine Oper für das Basler Theater. „Ich stehe gern auf der Bühne“, sagt Christian Zehnder. Und: „Ich arbeite an der Grenze der Musik.“ Die bildende Kunst und die Bühnenkunst sind bei ihm immer mit dabei. Und: „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Konzerten, in denen etwas anderes passiert.“  Eine krankheitsbedingte Zeit des Sprachverlusts sorgte dafür, dass sich der Sänger auf sprachlose Klänge spezialisierte. Jodeln und Obertongesang sind reine Lautmusik. Und sie sind instrumentale Vokalartistik. „Jodeln“, sagt Zehnder, „ist anstrengend. Wie Liegestütze für die Stimmlippen.“ Auch Obertonsingen ist Stimm-Sport und braucht Training. Allerdings sind beides sehr einsame vokale Disziplinen. Und nur alleine singend zu meditieren, war Christian Zehnders Sache nie. Erst über die „ganze alpine Musik“ fand Christian Zehnder, was er zuvor lange gesucht hatte: die Möglichkeit, sein Singen mit anderer Musik und mit anderen Musikern zu verbinden.

Dass der Musiker seine sehr eigene Spielart des Jodelns als „Global Jodeling“ bezeichnet, ist vor allem als ironischer Reflex darauf zu verstehen, dass viele sein Jodeln für typisch Schweizerisch hielten. Zehnder hat sich aber einfach aus den unterschiedlichen Jodelkulturen der Welt herausgepickt, was für ihn am passendsten und stimmigsten war. „Das Jodeln“ sagt er, „unterscheidet sich vor allem in der Art der Lautführung, in den Gesetzmäßigkeiten des Wechsels zwischen Kopf- und Bruststimme und im harmonischen Aufbau. In der Schweiz gibt es klare, große Quint- und Oktavsprünge, der bayerische Jodler ist verspielter und nicht so episch, der afrikanische rhythmischer, der asiatische klangfarblich sehr differenziert.“ Zwischen allen liegt Zehnders globales Jodeln: ein lustvolles Hin und Her zwischen allen Kulturen, eine Art Weltvolksmusik. Ohne das kreative Zentrum Christian Zehnder wäre diese allerdings nicht denkbar. Er ist das Volk. Er sorgt zunehmend dafür, dass Obertongesang und Jodeln Eingang finden in zeitgenössische Kompositionen. Und er gibt seine Volksmusik weiter. Mit Chören hat er schon – sogar im schwierigen Bereich der mikrotonalen Zwischentöne – gearbeitet. Beim Institut Klangwelt Toggenburg im Kanton St. Gallen baut er eine Obertonakademie auf und hilft mit, „das Jodeln zu akademisieren und damit aufzuwerten“. Damit sich Neu-Alpine Musik weiterentwickeln könne, brauche sie mehr Wertschätzung. Als Unterrichtsfach auf der Musikhochschule sieht er seine Stimmkunst dennoch nicht. „Die Volksmusik“, sagt Christian Zehnder, „braucht das Wilde, Offene, die roten Köpfe, die anschwellen, und die Stimmen, die ein bisschen drücken, und es gehört auch zu ihr, dass das Ganze nie ganz stimmt. Das darf nicht verloren gehen.“

 

Schweizer Gesellschaft für Volkskunde (Journal)

Die Verschmelzung von Kulturen, Generationen und Musikstilen

Als Schöpfer eines eigenen Kosmos versucht Christian Zehnder den alpinen Fundus seiner Generation und Vorgeneration in einen neuen Kontext zu setzen. Geprägt durch die Wurzeln im Appenzell schafft er eine Welt, in deren er Elemente des Jodelns aus verschiedenen Kulturen mit den selbstgefundenen Klängen auf den Zuhörer wirken lässt. Er betrachtet die Alpen als einen multikulturellen Schmelztiegel, wo Menschen aus dem gesamten Globus aufeinander treffen. 

Für Zehnder ist der Jodel eine vorsprachliche Kommunikationsform. Als studierter Baritonsänger, diplomierter Stimmpädagoge und weit gereister Mann, sieht Zehnder den Jodelgesang als etwas, dass in einer ähnlichen Form in vielen Kulturen als vorsprachlicher Gesang oder als Art der Kommunikation bekannt ist.

«Ein Mensch ist stets geprägt von seiner topografischen Umgebung», so Zehnder. Beeindruckt erzählt er von den Obertonsängern aus Tuva im Süden Sibiriens, mit welchen er vermehrt zusammengearbeitet hat. Die dort vorherrschende steppenartige Landschaft prägt den Gesang dieser Völker. Sie tragen ihr geistiges Gut mit dem Singen in die Welt hinaus und werden als Volkshelden gefeiert. Musik, Hoffnung und Identität sind ihnen unglaublich wichtig. Zehnder liess ihre Leidenschaft auf sich wirken und spürte dadurch seine eigene Stärke. Die Distanz zu seinem topografischen Zuhause, die durch Auslandaufenthalte entsteht, ermöglicht ihm weitere Erkenntnisse in seinem persönlichen Kosmos. Die Nähe zu sich selbst und die Sehnsucht nach der Heimat entfalten sich entsprechend. 

Die Heimat näher kommen lassen, gelingt ihm beispielsweise, wenn der in Basel wohnhafte Zehnder auf andere Kulturen trifft und erzählt, wie hier zulande die Fasnacht gefeiert wird. Er sieht sich zwar nicht als Fasnächtler, erlebt diese aber und kann im Gespräch mit anderen Menschen aus weit entfernten Ländern berichten, was die Fasnacht für die Basler bedeutet. In der Ferne, schafft er dadurch die Nähe zu seinem Zuhause. 

Der Jodelgesang und die Alphörner sind historisch gesehen ein Produkt des Tourismus. «Die Volksmusik, wie wir sie heute kennen, hat immer schon mit dem Tourismus kokettiert», so Zehnder.  Selbstverständlich sind diese heimatlichen Brauchtümer eine Ingredienz unserer Nation und waren schon vor der Kommerzialisierung dagewesen. Damals noch in einer viel roheren Form. Der Jodel präsentierte sich archaischer und diente als eine Art Kommunikation in den Schweizer Alpen. In der Tradition der Schweizer Volksmusik waren auch Instrumente wie die Zitter verankert. Aus Zehnders Perspektive sind einem Grossteil der heutigen Generationen die Verschmelzung der ursprünglichen Jodelarten als Produkt jedoch nur wage bekannt und schwer zugänglich. Einerseits haben sie Mühe, sich mit der populären Volksmusik zu identifizieren, da sie von anderen Einflüssen geprägt, sind und andererseits hat sich die Volksmusik weiter entwickelt und neue Formen angenommen. Formen, die zwar mit traditionsgebundenen Elementen spielen, aber von einer experimentierfreudigeren Note berührt sind. Gerade diese neue Musik wird kaum vom Volk wahrgenommen. Zehnder beklagt diese Situation, denn auch seine eigene «imaginäre alpine Musik» treffe vor allem im Ausland auf Anklang und werde in der Schweiz weitgehend ignoriert.

Aus diesem Blickwinkel sehe ich Christian Zehnder als progressiven Individualisten. Seine Auseinadersetzung als Musikkünstler mit einer Schweizer Volksmusik befindet sich in einem neuen Stadium der Entwicklung. Er öffnet Grenzen in noch nicht dagewesene Dimensionen und lässt Kulturen, Generationen und Musikstile miteinander verschmelzen. Sein Bedürfnis nach zeitgenössischer Volksmusik, wie er sie empfindet, steht im Vordergrund. Weg von einer konservativen Haltung der Traditionen, hin zur Multikulturalität in einer grenzoffenen Schweiz als Vorgabe für eine neue weltoffene Volksmusik. 

Um Zehnders progressive und spezielle Art hervorzuheben, empfiehlt sich einen Vergleich zwischen ihm und der stereotypen Volksmusik. An erster Stelle und ganz im Gegensatz zu der typischen geselligen Art von Jodelgesang in Chören oder in Gemeinschaften, steht das Auftreten Zehnders als Individium auf und hinter der Bühne. 

Zehnder setzt sich weiter auf einer sehr intellektuellen Ebene mit sich und seiner Musik auseinander. Er reflektiert die Zeit und schafft neue Verknüpfungen, die ihn und seine Musik prägen. Die urtümliche Volksmusik hingegen ist traditionell und beständig, wie sie es eben schon immer war. Es bedarf weniger einer tiefgründigen Auseinandersetzung, um diese Musik zu spielen, sondern es wird oft das altbekannt und bereits vorhandene geradewegs übernommen. 

Ein dritter wesentlicher Aspekt ist der Gebrauch von traditionellen Elementen. Zehnder nimmt sich als Künstler spezifische Bestandteile der heimatlichen Volksmusik und setzt diese in komplett neue Kontexte. Dadurch hebt er sich deutlich ab von der Tradition, Noten, Stile und Texte möglichst in ihrer ursprünglichen Form zu interpretieren. Zehnder: «Ich habe eine andere Aufgabe, ich bringe vielleicht sogar jüngere Leute, oder Leute, die aus einem anderen Bereich kommen, aus der Stadt, aus dem Ausland, zusammen und führe sie in das Umfeld alpiner Klänge.» 

Seine Musik ist durchwachsen von den Ereignissen, die er selbst in den Alpen erlebt hat oder noch erleben wird. «Die Berge spuken ihr Magma aus. Es sprüht nur so von Energie. All die Leute, welche bereits in der Vergangenheit da hoch sind, wie z.B. die Schriftsteller Hesse oder Nietzsche, liessen sich davon inspirieren. Und so geht es auch mir als Musiker. Ich habe unglaublich viele Geschichten erlebt da oben. Als wir beispielsweise einmal nach einer turbulenten Wanderung auf den Berninagipfel fast abgestürzt wären, kniete mitten auf diesem Gipfel ein Franzose auf dem Boden. Er hielt in der Hand einen ganzen Sack voll mit Magnolienblättern, die er fortwährend in die Luft hochwarf. Weinend! Wir haben schliesslich erfahren, dass seine Frau gestorben ist. Genau solche Geschichten sind mir wichtig. Das finde ich urban, das finde ich zeitgemäss.»

Nach dem Abstieg zurück in die besiedelten Regionen der Alpen, wo der Tourismus boomt, wird der freudige Alpinist sogleich mit der erbarmungslosen Realität konfrontiert. Der Charme und die Schönheit unserer alpinen Landschaft wird von einem Schleier der Macht und des Reichtums überschattet. Dies sei furchtbar, meint Zehnder.

Im Endeffekt läuft die Zeit so rasant, dass wir ohne eine stetige Auseinandersetzung mit den Veränderungen in unserem Land, schnell überfordert sind. Die Realität fordert unsere Toleranz und Geduld. An den zeitgenössischen Begebenheiten können wir nichts ändern. Wir können bloss versuchen, das Beste daraus zu machen, einen Einklang mit uns selbst zu finden und schliesslich die innere Schönheit zu entdecken. 

Musik ist eine Kunst und die Kunst hat immer einen Einfluss auf eine Kultur. Um weiter zu kommen, neue Horizonte zu berühren, eine Offenheit zu schaffen und Grenzen verschmelzen zu lassen, ist ein Loslassen von verfestigten Traditionen eine Voraussetzung. Es ermöglichte Zehnder das Entdecken seiner eigenen Ästhetik, das Kreieren seines eigenen Kosmos und das Herantreten an eine Welt, die Kulturen über den Weg der Musik miteinander verbindet. 

Martina Berardini

 

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